Negativer Ölpreis in den USA – Brent bei 10 Dollar?

Bernstein Bank: Der Ölmarkt hat aus Sicht der Bullen das schlimmste Quartal aller Zeiten hinter sich. Doch die Talfahrt könnte weiter gehen. Wegen des globalen Deflationsschocks im Corona-Crash und des Preiskriegs zwischen Saudi-Arabien und Russland. Und vor allem wegen Igor Setschin, Chef von Rosneft – der will die amerikanische Ölindustrie vernichten.

Nun ist das Unglaubliche eingetreten: Ein erster Händler in den USA zahlt Geld dafür, dass ihm das Öl abgenommen wird.

 

Ein grausiges Quartal
Gerade fielen die Brent-Futures auf den niedrigsten Stand in 18 Jahren. In den ersten drei Monaten dieses Jahres rutschte der Preis für die Nordseesorte um rund 65 Prozent ab – laut CNBC das schlimmste Quartal seit 1990. WTI verlor 67 Prozent an Wert, die schlimmste Performance seit Beginn des Kontrakt-Handels im Jahr 1983.

Die Lage dürfte sich so bald nicht bessern.

 


 

Volle Lager überall
Fatih Birol, Chef der International Energy Agency, warnte auf einer Veranstaltung des Atlantic Council: „The effects of the glut will be felt for years to come.“ Die Nachfrage nach Öl sinke um 20 Millionen Barrel pro Tag. Das Handelshaus Vitol Group nannte ebenfalls diese Zahl. Damit müssten sowohl Russland als auch Saudi-Arabien ihre Produktion komplett einstellen, um den Markt wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Die Eurasia Group sah zur Jahresmitte das Limit in den Tanks der Welt erreicht.

Standard Chartered sieht noch weniger Zeit: Die Öltanks auf dem Globus seien in sechs Wochen voll.

Die Industrie kappt die Kapazitäten in den Raffinerien. Exxon meldete gerade die Senkung der Verarbeitung in der Raffinerie von Baton Rouge, das ist die zweitgrößte des Konzerns in den USA.

Royal Dutch Shell kündigte laut Oilprice.com Ausgabenkürzungen von 20 Prozent oder 5 Milliarden Dollar an.

Damit staut sich also die Ölflut zurück bis zu den Produzenten.

 

Brent bei 10 Dollar
Goldman Sachs urteilte, Brent sei gegen den Preisverfall eher abgesichert und könne sich bei 20 Dollar halten, weil die Lieferkette kurz sei – auf hoher See könnten immer Tanker ankern. Wir meinen: Falls es genug leere Tanker gibt. Das Research-Haus JBC Energy sah die Sache bei Brent skeptischer: “In such an environment, it is as possible for Brent prices to briefly go to $10 per barrel as it was back in 1986 or 1998.”

 

Goldman sah negative US-Preise
Für die US-Förderer malte Goldman Sachs wegen der Logistikkosten den Teufel an die Wand. Chief Commodity Strategist Jeffrey Currie sah negative Preise kommen. Ein Produzent auf dem Land werde Kunden für die Abnahme von Öl bezahlen.

Denn die gesamte Logistik-Kette weise eine nur relativ geringe Speicherkapazität auf – Pipelines, Terminals, Öltanks, Raffinerien, etc. könnten kaum Crude aufnehmen.

Angesichts der Kosten für die Schließung eines Bohrloches wollten Förderer aber lieber eine Abnahme-Prämie drauflegen.

 

19 Cents geschenkt für ein Fass Schweröl

Und genau so kam es. Das große Handelshaus Mercuria bot laut Bloomberg 19 Cents dafür, die Sorte Wyoming Asphalt Sour abzunehmen, das ist ein dichtes Schweröl, das für die Herstellung von Teer verwendet wird. Auch sonst rutschen die Preise in den Nischen-Märkten rapide gen Null: Oklahoma Sour wurde für 5,75 Dollar angeboten, Nebraska Intermediate für 8, und Wyoming Sweet rutschte auf 3 Dollar je Fass. Und Texas Midland WTI wurde laut Goldman jüngst für nur 10 Dollar je Barrel gehandelt.

Öl aus Kanada, repräsentiert im Canada Western Selected Index, sogar nur für gut 4 Dollar je Fass.

 


 

Das Aus der Branche ist damit vorgezeichnet. Die Investment Bank Raymond James urteilte, die US-Öl-Industrie werde bei Preisen weit unter 30 Dollar für WTI kollabieren. Oilprice.com berichtete unter Berufung auf Reuters, der Breakeven für die US-Ölindustrie liege zwischen 39 und 48 Dollar je Barrel.

Und damit geht der Plan von Igor Setschin auf, Chef des russischen Ölkonzerns Rosneft. Der Manager mit dem liebreizenden Kosenamen „Darth Vader“ ist die graue Eminenz im Kreml und der stärkste „Silowik“ – das ist ein Vertreter des nationalistischen Machtapparates. Zudem ist er die treibende Kraft im Preiskrieg zwischen Russland und Saudi-Arabien. Vor rund zwei Wochen sagte Setschin im russischen Staatsfernsehen laut Radio Liberty, sobald die amerikanische Öl-Industrie ausgeknockt sei, werde der Ölpreis wieder kräftig ansteigen.

Zum Jahresende prognostizierte er 50 bis 60 Dollar je Barrel.

Die USA hatten zuvor Russland aus vielen traditionellen Märkten in Europa und Asien verdrängt.

 

Rosneft und Russland mit langem Atem
Setschin ergänzte, Rosneft könne seine Produktion für weitere 22 Jahre auf dem aktuellen Level halten, ohne neue Quellen zu erschließen. Die amerikanischen Sanktionen hätten die US-Banken mehr getroffen als Russland, da sie nun keine Zinsen mehr von russischen Ölförderern einstreichen. Russland sitzt übrigens laut Statista auf gigantischen Gold- und Devisenreserven in Höhe von 570 Milliarden Dollar, der Kreml kann also niedrigere Energiepreise eine ganze Weile verkraften.

Wir ergänzen: Natürlich hat muss das Öl auch im riesigen Russland über lange Strecken via Pipelines oder Züge bis zu den Häfen transportiert werden.

Doch wenn Setschin bestimmt, dann wird das eben kurz mal kostenlos erledigt.

 

Kommunistisches Trauma
Setschins Denken kreist also um Amerika – ein typisches Trauma in Russlands Elite. Zusammen mit den Saudis sorgten die USA im Kalten Krieg für kollabierende Ölpreise und damit den Staatsbankrott der UdSSR. Den erlebte Setschin ab 1988 als Angestellter in der Auslandsabteilung der Staatsuniversität Leningrad mit, eine Kaderschmiede des KGB. Von 1991 bis 1996 war er Wladimir Putins Stabschef in der Stadtverwaltung des nun umbenannten Sankt-Petersburg.

Dort tobte das Chaos: Die Wirtschaft war zusammengebrochen, die Tambowskaja-Mafia breitete sich aus.

Eine Demütigung ohnegleichen für die kommunistischen Kader.

 


 

Die Rache der Silowiki
1996 wechselte Setschin zusammen mit Putin nach Moskau in die Präsidialverwaltung unter Boris Jelzin. Unter Putin ging es der Mafia ans Leder, Moskau erhöhte drastisch die Rüstungsausgaben, Oligarchen wurden ausgeschaltet, der Ölkonzern Yukos zerstört und an Rosneft verkauft.

Die Silowiki stabilisierten Russland – zugleich zog der Ölpreis an, weil sich China zur Weltmacht aufschwang.

Und heute zahlen es die Silowiki den Amerikanern zurück.

Insofern sollten Sie noch für eine Weile Shorts auf Öl in Erwägung ziehen – aber auch auf den Rubel.

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