Neue türkische Turbulenzen

Bernstein BankNächste Runde im alten Spiel: Die türkische Lira stürzt ab. Denn der Sultan in Ankara hat schon wieder einen Zentralbankchef gefeuert. Der hatte in den vergangenen Monaten die schwindsüchtige Währung erfolgreich mit höheren Zinsen gestützt. Nun steht wieder die bizarre Erdoganomics an – die Bären wetzen die Krallen.

Vier Monate Stabilisierung

Schon wieder müssen wir uns mit der türkischen Lira und der gelinde gesagt unverständlichen Geldpolitik in Neo-Osmanien beschäftigen. Staatschef Recep Tayyip Erdogan hat in der Nacht auf Samstag den Zentralbankchef Naci Agbal entlassen. Den hatte der Herrscher erst im vorigen November ins Amt berufen. Agbal hatte in seiner kurzen Amtsperiode den Leitzins um 875 Basispunkte auf 19 Prozent erhöht.

 


 

Unerwartet hohe Zinserhöhung am Mittwoch

Doch vorigen Mittwoch brachte Agbal das Fass zum Überlaufen: Mit der unerwartet hohen Zinserhöhung von 200 Punkten rauschte zwar die Lira nach oben. Doch der Zentralbank-Chef hatte es sich damit endgültig mit Ankara verscherzt. Das Erdogan-hörige Revolverblatt „Yeni Safak“ beispielsweise tobte.

Dabei hatte die Notenbank keine andere Wahl – denn die Inflation in der Türkei galoppiert. Sie liegt bei 15,6 Prozent, der offizielle Zielwert liegt bei 5 Prozent. Zum fünften Monat in Folge hatte die Inflationsrate zugelegt, beispielsweise wegen der steigenden Ölpreise.

Phoenix Kalen von der Société Générale applaudierte dem Zinsschritt: Dies “will go a long way toward bolstering both retail and foreign investor confidence that the CBRT under Governor Agbal will stay engaged in addressing deterioration in inflation expectations.”

Bizarre türkische Geldpolitik

Doch jetzt also die die kalte Dusche. Während das Gros der Volkswirte davon ausgeht, dass eine Währung an Wert gewinnt, wenn die Zinsen steigen, weil sie dann eine höhere Rendite für ihre Anlage bekommen, sieht Erdogan das ganz anders.

Der Präsident geht im Gegensatz zur Lehrmeinung davon aus, dass es die hohen Zinsen sind, welche die Inflation anheizen. Womit er Ursache und Wirkung verwechselt. Das Finanzblog „ZeroHedge“ nannte dies eine „bizarro monetary policy“.

Der Nachfolger sieht sogar den Nullzins

Agbals Nachfolger wird der Finanzprofessor und ehemalige Abgeordnete aus Erdogans AK-Partei, Sahap Kavcioglu. Der Gelehrte der Marmara-Universität hat sich übrigens schon häufiger bei „Yeni Safak“ als Kolumnist zu Wort gemeldet.

Auch Kavcioglu stellt sich gegen eine restriktive Zinspolitik – und hält sogar negative Zinsen für angeraten, wie das „Middle East Eye“ berichtete. Man höre und staune: Null- und Negativzins sind normalerweise ein Mittel gegen die Deflation, mit dem Anleger, die Cash horten, zu Investitionen gezwungen werden sollen. Und sie sind hoch inflationär, was die Türkei nun wirklich nicht braucht.

Das Vertrauen ist weg

Wie auch immer: Kavcioglu ist der vierte Zentralbankchef in zwanzig Monaten. Die „Neue Zürcher Zeitung“ urteilte: „Der Vertrauensgewinn der letzten Monate in die türkische Wirtschaftspolitik ist dahin.“ Zudem steckt die türkische Wirtschaft schon seit drei Jahren in der Krise. Und das, obwohl das zwischenzeitlich billigere Geld immerhin den Bausektor ankurbelte und die türkische Wirtschaft trotz Corona um 1,8 Prozent und damit besser als erwartet zulegte.

Nur: Ausländisches Kapital macht immer noch einen Bogen um das Land herum. Jetzt wohl mehr denn je. Die Arbeitslosenquote liegt offiziell bei 13,4 Prozent; die reelle Zahl liegt laut der Publikation „AL-Monitor“ wohl eher bei 30 Prozent.

Und die Staatskasse ist ziemlich leer. Goldman Sachs geht davon aus, dass die Türkei für Stützkäufe der Lira allein im vergangenen Jahr mehr als 100 Milliarden Dollar ausgab. Verantwortlich dafür war vor allem der frühere Finanzminister und Schwiegersohn von Erdogan, Berat Albayrak. Der war aus Protest gegen die Einsetzung des jetzt gefeuerten Notenbankchef Agbal zurückgetreten; die internationale Finanz-Community hatte den Abgang des Schwiegersohnes erleichtert registriert.

 


 

Die Rückkehr der Schwindsucht

Unser Fazit: Auf die Lira kommen harte Zeiten zu. Für Trader bietet die neue Krise enorme Short-Chancen in der Lira. Allerdings sollten Sie sich bewusst sein, dass die Notenbank immer wieder mit plötzlichen Anhebungen des Zinses im Repo-Markt über Nacht Shorts vernichten könnte. Oder Ankara nutzt Notkredite – etwa aus China und Russland – um unerwartet Lira einzukaufen.

Investoren werden ansonsten die neue Volte mit hochgezogenen Augenbrauen zur Kenntnis nehmen und sich vielleicht, vielleicht dafür entscheiden, ihr Kapital dann doch lieber in einem weniger erratischen Land anzulegen. Zumal die Türkei einen Krieg mit Griechenland wegen der Ausbeutung von Öl- und Gasvorkommen riskiert, sich ein teures militärisches Engagement in Syrien leistet und der Devisen-Bringer Tourismus wegen Corona abgewürgt bleibt.

Ein übler Gift-Cocktail also für die türkische Wirtschaft, der doch sehr nach einer Wirtschaftskrise und am bitteren Ende nach einer Währungsreform aussieht. Die Bernstein-Bank behält die Lage für Sie im Blick – wir wünschen erfolgreiche Trades und Investments.

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