Stresstest für Sterling – Deadline 30. Juni

Bernstein Bank: Die Brexit-Verhandlungen zwischen London und Brüssel stehen kurz vor dem Aus. Wir hatten es kommen sehen: Nach dem furiosen Wahlsieg der Torys bei den Parlamentswahlen im Dezember 2019 kann Premier Boris Johnson vor Kraft kaum laufen. Und muss keinerlei Zugeständnisse an die EU machen – er hat die Unterstützung der Bevölkerung und eine satte Mehrheit im Unterhaus. Nun rückt mit dem 30. Juni eine wichtige Deadline näher. Wir beleuchten die möglichen Folgen für das Pfund Sterling.

London mauert
Michel Barnier klang „not amused“ am vorigen Freitag: Der Beauftragte der EU-Kommission für die Verhandlungen zu dem EU-Austritt des Vereinigten Königreichs machte aus seinem Pessimismus keinen Hehl. Es gebe „keine bedeutenden Fortschritte“ in den Verhandlungen über die künftigen Beziehungen mit Großbritannien. Seit März seien vier Gesprächsrunden weitgehend ergebnislos zu Ende gegangen. Nun warf Barnier den Briten „Blockade“ vor.

Johnson wolle eine Zusage nach der anderen kassieren – beispielsweise das Dauerstreitthema des „Level Playing Field“. Die Briten hätten erst nach dem Brexit einen ähnlichen Standard an Umweltschutz-, Arbeitsrechts- und Sozialstandards aufrechterhalten wollen wie die EU. Jetzt wollten sie davon nichts mehr wissen, klagte Barnier.

Ähnlich sehe es aus bei der Zusammenarbeit in der zivilen Nutzung der Kernenergie sowie beim Kampf gegen Geldwäsche und Terror-Finanzierung.

 

Deadline 30. Juni
Der nächste Schritt ist nun ein Treffen von Kommissionschefin Ursula von der Leyen und Ratspräsident Charles Michel mit Johnson. Doch ob das per Videokonferenz geschieht oder persönlich ist noch genauso offen wie das Datum. Vermutlich will die EU-Seite erst noch den EU-Videogipfel am 19. Juni abwarten, um sich abzustimmen. Bis 30. Juni aber muss die Entscheidung über eine Verlängerung der Übergangsphase stehen, in welcher die EU-Regeln in Großbritannien weiter gelten. Derzeit endet sie am 31. Dezember.

 


 

Premier Johnson hat eine Verlängerung mehrfach abgelehnt. Vielleicht ist die britische Wirtschaft jetzt wegen Corona so angeschlagen, dass die etwaigen Folgen eines harten Brexit auch keinen Unterschied mehr machen.

Vielleicht erwartet er auch gar keine gravierenden Einbrüche im Handel.

 

Warnung von der Bank of England

Am Devisenmarkt wurde zuletzt intensiv darüber diskutiert, ob die Bank of England (BoE) der Europäischen Zentralbank und der Schweizer Nationalbank auf dem Pfad zu negativen Zinsen folgen wird. Die BoE legt derzeit den Fokus auf die Eindämmung des wirtschaftlichen Schadens durch Corona. Nun kommt möglicherweise ein harter Brexit dazu. Wie die „Financial Times“ vor einigen Tagen berichtete, hat Andrew Bailey, der Gouverneur der Bank of England, in einem Telefonat die Chefs von Geschäftsbanken gedrängt, sich auf einen No-Deal-Brexit vorzubereiten.

Allerdings dürften die meisten Institute wegen des seit langem schwelenden Themas sowieso schon etwaige Unterbrechungen in den Devisenströmen einkalkuliert haben.

 

Pfund-Trader hoffen auf eine starke Integration
Es sieht also aktuell alles nach einem harten Brexit aus – was das britische Pfund gegenüber Dollar und Euro nach unten drücken dürfte. Denn eine Analyse der CME Group hat genau das für die vergangenen fünf Jahre herausgefunden: „Trotz aller Entwicklungen während dieser Zeit ist ein Element konstant geblieben: Bewegt sich Großbritannien in Richtung einer stärkeren Integration innerhalb Europas, steigt das Britische Pfund (GBP) – bei einem No-Deal-Brexit fällt es,“ urteilte jüngst Erik Norland, Executive Director und Senior Economist der CME Group.

Die Die US-amerikanische CME Group ist eine der weltgrößten Optionsbörsen und die größte Terminbörse der Welt mit Sitz in Chicago im Bundesstaat Illinois.

Dies ist laut der CME Group die chronologische Entwicklung in der Dauer-Thematik: Im Zeitraum zwischen dem Beschluss des Gesetzes zum EU-Referendum am 9. Juni 2015 und dem Referendum selbst vom 23. Juni 2016, verlor das Britische Pfund demnach 4 Prozent gegenüber dem Euro und 3 Prozent gegenüber dem US-Dollar. In den Monaten nach dem Referendum rutschte das Pfund um 17 Prozent im Vergleich zum Euro und um 21 Prozent zum Greenback.

Seit dem Referendum habe sich eine deutliche Tendenz abgezeichnet: Sobald eine Einigung nicht mehr weit entfernt schien, neigte das Britische Pfund laut CME zur Stärke. So etwa plus 21 Prozent gegenüber dem US-Dollar bis Anfang 2018, als die damalige Premierministerin Theresa May die Verhandlungen führte.

Und als Großbritannien sich dann wiederum auf ein No-Deal-Szenario zubewegte, wertete Sterling ab.

Beispielsweise minus 16 Prozent, als Deals der glücklosen May wiederholt abgelehnt wurde.

 


 

Anfang Mai bekamen die Investoren diesen Umstand laut CME Group einmal mehr zu spüren, als die Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU in eine Sackgasse liefen und beide Seiten über einen mangelnden Fortschritt bei Themen klagten, die von Fischereirechten bis hin zu Wettbewerbsregulierungen reichen.

Seitdem gab das Pfund gegenüber dem Euro um 3 Prozent und gegenüber dem US-Dollar (USD) um 4,5 Prozent nach.

 

Die Bären lauern
Und wie geht es weiter? Norland wies auf einen interessanten Indikator hin: Zuletzt habe sich in den Optionsmärkten für GBP eine deutlicher als üblich ausgeprägte Tendenz für einen Abwärtstrend gezeigt: „Put-Optionen aus dem Geld (out-of-the-money – „OTM“) sind im Vergleich zu OTM-Call-Optionen wesentlich teurer als gewöhnlich.“

Gerade hieb Reuters mit einer Umfrage unter rund 50 Devisen-Experten in die gleiche Kerbe: GBP/USD könnte sich bis Ende Juni auf 1,23 verbilligen, falls die Gespräche zwischen London und Brüssel scheitern.

 

GBPUSDWeekly

 

Unser Fazit:

Falls die Experten mit ihren Beobachtungen und Prognosen Recht haben, fällt das Pfund, wenn wir auf einen harten Exit zusteuern.

Gibt es eine Einigung, legt „Cable“ zu.

Wir sind gespannt, wie es weitergeht und halten Sie auf dem Laufenden.

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