Was 2022 angerichtet hat – und warum Geduld bei Anleihen trotzdem belohnt wird
Ich bin viel und gerne auf unseren bundesweiten Kundenveranstaltungen unterwegs. Ich liebe die persönlichen Begegnungen und die Gespräche, die ich dort führen darf. In letzter Zeit werde ich immer mal wieder gefragt, warum einige Kunden in ihren Depots kaum etwas von der Zinswende spüren, die vor fast vier Jahren begonnen hat, frei nach dem Motto: „Die Zinsen sind jetzt schon länger wieder deutlich höher. Warum spiegelt sich das in meinem Anleiheanteil nicht wider?“ Diese Frage möchte ich heute gerne für Sie beantworten.
Das Wichtigste in Kürze:
- Zinswende 2022 hat zu deutlichen Kursverlusten bei Anleihen geführt
- Rendite bei Anleihen entsteht aus Kurs und Zins
- Ausblick: Das bedeuten steigende, fallende und seitwärts verlaufende Zinsen für Anleger
- Heute ist die Ertragsbasis wieder attraktiv
- Wichtig bei Kursverlusten: Ruhe bewahren, Geduld wird belohnt
Zinsen und Rückzahlung bei Fälligkeit – so funktionieren Anleihen
Lassen Sie uns kurz schauen, wie Anleihen grundsätzlich funktionieren. Sie können den Absatz überspringen, wenn Sie hier gut Bescheid wissen. Mithilfe von Anleihen können sich Staaten oder Unternehmen Geld von Anlegern leihen. Sie beschaffen sich so Kapital, um beispielsweise Investitionen zu tätigen.
Für eine vorab festgelegte Laufzeit erhalten die Anlegenden regelmäßige Zinszahlungen, man spricht dabei vom (Zins-)Kupon. Attraktiv sind Anleihen wegen ihrer langfristigen Stabilisierungsfunktion in einem gemischten Aktien- und Anleihedepot. Sie schwanken in der Regel deutlich weniger als Aktien. Zudem wird der investierte Betrag am Ende der Laufzeit in der Regel zu 100% zurückgezahlt, was vor allem konservative Anleger schätzen.
Gekauft wird eine Anleihe zu einem bestimmten (prozentualen) Kurs, der im Laufe der Zeit vom aktuell geltenden Zinsniveau beeinflusst wird. Das wiederum hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie der Inflationsentwicklung und der Konjunkturlage. Und hier wird es spannend.
2022 – das Jahr, das viele überrumpelt hat
Nach Jahren niedrigster und zum Teil auch negativer Zinsen brachte das Jahr 2022 eine überraschende Zinswende. Wegen der stark gestiegenen Inflation – ausgelöst durch den russischen Angriffskrieg und die damit verbundene Energiekrise – erhöhten die Notenbanken die Leitzinsen in kurzer Zeit in ungewöhnlich großem Ausmaß. Die Folge war einer der stärksten Kursrückgänge am Anleihemarkt seit Jahrzehnten. 2022 war damit ein einschneidendes Jahr für Anleiheanleger.
Viele, die in den Jahren davor, sprich noch im Niedrigzinsumfeld, investiert und wenig Gewinnpuffer aufgebaut hatten, wurden mit entsprechenden Kursverlusten konfrontiert. Das gilt auch für unsere Kundinnen und Kunden, denn die meisten kombinieren ihre Aktienanlage mit einem grundsätzlich risikopuffernden Anleiheanteil.
Und ja: Unter Umständen sind Anleihepositionen, die kurz vor der Zinswende aufgebaut wurden, bis heute noch in den roten Zahlen. Das hat etwas mit dem grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Anleihekursen und dem allgemeinen Zinsniveau zu tun.
Warum steigende Marktzinsen zunächst zu fallenden Anleihekursen führen
Zur Veranschaulichung dient auch die nachfolgende Grafik. Vereinfachend wird hier angenommen, dass sich das Marktzinsniveau für die Restlaufzeit von 5 Jahren unmittelbar von 2% auf 1% bzw. 3% verändert. In der Praxis ergeben sich solche Sprünge im Zeitverlauf. Und im Jahr 2022 geschah das Ganze eben relativ schnell und heftig.

Wir als Quirin Privatbank investieren hingegen bewusst schwerpunktmäßig in kürzere Laufzeiten. Das reduziert die Zinssensitivität, auch wenn es temporäre Kursverluste nicht vollständig ausschließt.
Die nachfolgende Grafik verdeutlicht den beschriebenen Zusammenhang noch einmal an einer realen 10-jährigen Bundesanleihe.

Anleihen bestehen also aus zwei Komponenten – dem Kurs und dem laufenden Zins. Steigen die Zinsen am Markt stark und schnell, reagieren die Kurse entsprechend zügig und heftig – auch in einem breit gestreuten Anleihebaustein.
Entscheidend ist dabei, sich bewusst zu machen, dass die Verluste ja nur auf dem Papier existieren, sie werden im Laufe der Zeit zurückverdient, weil ich die Anleihe zu 100% zurückgebe. Das Wichtigste ist also, nicht vorschnell zu reagieren, nicht übereilt zu verkaufen, sondern auch hier die Ruhe zu bewahren.
In einem solchen breit gestreuten Anleihebaustein werden mit der Zeit aber immer wieder Anleihen fällig und diese werden dann durch neue, höher verzinste Anleihen ersetzt. Die höheren laufenden Erträge wirken also erst nach und nach, durch Reinvestitionen im Portfolio. Und genau hier liegt der verbreitete Denkfehler: Höhere Marktrenditen spiegeln sich nicht über Nacht im Depot wider. Sie bauen sich mit der Zeit auf.
Nun fragen sich viele Anleger: Wie geht es weiter mit dem allgemeinen Zinsniveau und was bedeutet das für mein Anleiheportfolio? Auch wenn wir nicht prognostizieren, um darauf Anlageentscheidungen abzustellen, möchten wir Ihnen gern Orientierung geben, mit drei grundlegenden Szenarien, einer Bestandsaufnahme und einem Blick nach vorn.
Drei Szenarien – und was sie für Anleger bedeuten
- Steigende Zinsen am Markt: bedeuten kurzfristig Druck auf die Kurse, langfristig bringen sie höhere laufende Erträge.
- Fallende Zinsen: bescheren Anlegern Kursgewinne bei bestehenden Anleihen, aber perspektivisch eine niedrigere laufende Verzinsung.
- Seitwärtsbewegung am Zinsmarkt: sorgt für besser kalkulierbare Erträge über die Kupons.
Wo stehen wir heute?
Die Europäer haben den Leitzins von daher schon markanter gesenkt als die Amerikaner. Der sinkende Leitzinstrend hat vor allem die Kurse von kürzer laufenden Anleihen gestützt. Bei längeren Laufzeiten gab es wegen des steigenden globalen Verschuldungstrends und der vertrauensschädigenden US-Politik zuletzt auch immer wieder Kursrücksetzer.
Insgesamt waren in den letzten 3 Jahren in vielen Anleihesegmenten aber wieder Kursgewinne zu verzeichnen, wenngleich das noch nicht in allen Anlegerdepots zur Aufholung der 2022er-Verluste geführt hat. Gleichzeitig sind die laufenden Renditen im Anleihebereich heute so attraktiv wie lange nicht mehr. Das bedeutet nicht, dass es keine Schwankungen gibt. Aber es bedeutet, dass die Ertragsbasis wieder deutlich höher liegt als in der Niedrigzinsphase.
Ein Blick nach vorn
- Für die Euro-Zone erwarten wir, dass die Europäische Zentralbank ihren Leitzins vorerst im Bereich von rund zwei Prozent halten dürfte. Kurzlaufende Anleihen im Euro-Raum dürften demnach vergleichsweise stabil bleiben, da sie stark von der Notenbankpolitik geprägt sind.
- In den USA sehen wir bei kurzen Laufzeiten sogar leichte Kurschancen, weil dort konjunkturbedingt weitere moderate Zinssenkungen möglich sind, sofern die Inflation nicht erneut anzieht.
- Bei langlaufenden Anleihen könnte es etwas unruhiger werden. Staaten und Unternehmen verschulden sich weiter in hohem Tempo. Mehr Anleiheangebot bzw. Verschuldung bedeutet: Investoren verlangen höhere Renditen als Ausgleich für das gestiegene Risiko. Das belastet dann vorübergehend die Kurse bestehender langlaufender Anleihen. Erhebliche Zinssteigerungen zeichnen sich aber aktuell nicht ab.
Vor diesem Hintergrund und da ein breit gestreutes, auf Stabilität fokussiertes Anleiheportfolio wie das unsrige durch ständige Fälligkeiten und Reinvestitionen mittlerweile wieder laufende Erträge im Bereich von 2 bis 3% pro Jahr liefert, gehen wir von einer fortgesetzten Erholung aus.
Anleihen sind keine Zinswette
Was mich immer wieder wundert: In der öffentlichen Diskussion werden Anleihen oft wie eine Spekulation auf Zinsbewegungen behandelt: Steigen die Marktzinsen, ist das schlecht, fallen sie, ist das gut. Das greift jedoch viel zu kurz und animiert zu hektischen Anlageentscheidungen. Anleihen erfüllen im Portfolio eine Funktion, die eine ruhige Hand erfordert. Ihre Aufgabe ist vor allem, langfristig für Stabilität zu sorgen, sie bilden den Risikopuffer im Portfolio.
Auch bei Anleihen gilt: Ruhe bewahren
Investiert zu bleiben, ist in aller Regel der bessere Weg. Denn Zeit ist bei Anleihen kein Gegner, sondern ein Verbündeter – sie sorgt dafür, dass sich vorübergehende Kursverluste ausgleichen und höhere Zinsen Schritt für Schritt im Portfolio ankommen. So können Zins und Zeit für Ihr Geld arbeiten – und genau darum geht es bei langfristigem Vermögensaufbau.
Disclaimer & Risikohinweis
Themen im Artikel
Infos über Quirin Privatbank
Die Quirin Privatbank AG wurde 2006 als erste Honorarberaterbank in Deutschland gegründet – mit der Mission, die Menschen in Deutschland zu besseren Anlegern zu machen. Die Bank ist Spezialist für professionelle, individuelle Vermögensverwaltung und einen langfristigen Vermögensaufbau.
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