Das steckt hinter dem historischen Öl-Crash

Bernstein Bank: In diesen Tagen wird Geschichte geschrieben: Gestern wurde das Fass West Texas Intermediate zur Auslieferung im Mai zeitweise mit minus 40,32 Dollar gehandelt, bevor sich der Kontrakt nach mehreren panischen Stunden wieder auf knapp über 0 hangelte. Neben dem Überangebot gibt es eine Erklärung aus dem Finanzmarkt für das Phänomen.

Wir erläutern die Hintergründe.

 

Erstmals Negativpreis für Ölkontrakt

Selbst abgebrühte Trader rieben sich gestern die Augen: Erstmals seit Auflage des Futures-Handels im Jahr 1983 ist der Preis des auslaufenden Terminkontrakts für US-Rohöl der Referenzsorte West Texas Intermediate zur Lieferung im Mai unter Null gestürzt. Gesettelt wurde der Mai-Kontrakt gestern für negative 37,63 US-Dollar. Am Freitag hatte der Schlusskurs noch bei plus 18,27 Dollar gelegen.

 

Massives Einreißen von Stopp-Losses
Der Startschuss für die erste Cyber-Währung erfolgte am gestrigen 16. April: Das „BTC Echo“ berichtete unter Berufung auf „Chinastarmarket“, China habe die CBDC (central bank digital currency) zunächst in geringem Umfang über Alipay implementiert. Das digitale Zentralbankengeld soll erst im Bezirk Xiangcheng in der Stadt Suzhou westlich von Shanghai in der Gehaltsauszahlung bei Regierungsbeamten zum Einsatz kommen.

Ab Mai will die Regierung die Auszahlungen dann weiter ausbreiten. Im Rahmen dieses Pilotprojektes arbeiteten die Bank of China, die China Construction Bank, die Industrial and Commerical Bank of China sowie die Agricultural Bank of China zusammen. Coinkurier.de schrieb unter Berufung auf die Exchange Binance, es gebe bereits offizielle Apps zum Testen der Kryptowährung die auch als „Digitaler Yuan” oder als „DC/EP” (Digital Currency/Electronic Payment) bekannt ist.

 


 

Du sollst keine andere Währung neben meiner haben
Tatsächlich ist die gestrige Lage in Umkehrung mit der historischen Short-Squeeze bei der Volkswagen-Aktie zu vergleichen – denn die Liquidität für den Ölkontrakt trocknete gestern komplett aus. Niemand kaufte, als alle zugleich verkauften. Gestern gegen Mittag US-Zeit wurden unzählige Stopp-Losses aktiviert, als der Kontrakt die 10 Dollar berührte. Sie sehen also: Setzen Sie Stopps nie bei runden Marken, sondern stets knapp davor.

Roger Diwan, für Energie zuständiger Vizepräsident bei IHSMarkit, erklärte die Lage. IHSMarkit ist ein börsennotierter Informationsdienst mit Sitz in London. Der Absturz habe mit dem heutigen Auslaufen des Mai-Kontraktes zu tun. Wer den Kontrakt zum Laufzeitende hält, muss das Öl im Mai am Pipeline-Knoten in Cushing in Oklahoma auch abnehmen. Da Spekulanten aber keine Lagerkapazität haben und da diese dort aktuell sowieso kaum zu kaufen sei, hätten Finanzakteure die Futures unter allen Umständen loswerden müssen. Möglicherweise hätten einige Akteure den Aspekt der physischen Abnahme nicht verstanden.

Diwan ergänzte, die Situation gestern deute nicht notwendigerweise auf die künftige Marktsituation hin, da der Futures-Kontrakt für Juni an der NYMEX gestern bei plus 21,13 Dollar schloss. Allerdings sei der Juni-Kontrakt damit keineswegs sicher – der Markt in Cushing sei in keinem guten Zustand und die Lager liefen allmählich voll.

 

Mom-and-Pop-Crash

Goldman Sachs schlug in die gleiche Kerbe und klärte seine Kunden auf, wer genau gestern panisch verkauft hatte. Wegen der Schwierigkeiten und der Kosten für die Lagerung von Öl – selbst in normalen Zeiten – hielten erfahrene Investoren niemals einen Kontrakt bis zum Auslaufen. Die Long-Positionen seien daher geschrumpft, da große ETF (Exchange Traded Funds – Indexfonds) ihr Geld schon gerollt hätten. In den vergangenen Wochen seien jedoch verstärkt Retail-Trader eingestiegen, urteilte Goldman weiter. Dies zeige der Anstieg des Retail-Engagements, etwa im USO ETF.

Wir ergänzen: Bis Freitag, 17. April hatte es noch über 100.000 offene Positionen im Mai-Kontrakt gegeben, das ist weit über dem Fünfjahres-Durchschnitt von 60.000. Das deutet darauf hin, dass gestern noch überdurchschnittlich viele Amateure die auslaufenden Kontrakte hielten.

Unser Fazit: Mom-and-Pop-Daytrader schmissen sich die heiße Kartoffel zu, sprich: einen Kontrakt, bei dem sie nicht verstanden hatten, dass hier im schlimmsten Fall tonnenweise Öl ausgeliefert wird.

 

Neues Feuerwerk droht bei Mai- und Juni-Kontrakt
Goldman Sachs warnte auch schon vor neuen Katastrophen. Commodity Strategist Damien Courvalin wies zunächst auf „potential further distress ahead of the settlement window“ am heutigen Ende des Mai-Kontraktes hin.
Und damit dürfte der Schmerz für die Bullen nicht enden, nun rückt der Juni-Kontrakt in den Fokus, der am 19. Mai ausläuft.

Für dessen Kollaps sprechen laut Goldman drei Gründe:

  • Erstens dürfte der gewaltige Move gestern einige Long-Retail-Investoren aus dem Markt treiben.
  • Zweitens dürfte es einen negativen Effekt geben, wenn viele Investoren Anfang Mai ihre Position vom Juni- in den Juli-Kontrakt rollen.
  • Drittens bleibe die Frage des Überangebots und der Storage Capacity ungelöst.

 


 

Die Lager laufen über
In den vergangenen Wochen stiegen die US-Bestände an Erdöl um knapp 20 Prozent, sie liegen auf dem höchsten Stand seit etwa drei Jahren. Und dies mitten in einer heftigen Rezession. Gleichzeitig werden verstärkt Tanker als schwimmende Lager genutzt. Experten schätzen, dass sich die Menge in Tankern binnen zwei Wochen auf den Rekordwert von 160 Millionen Barrel verdoppelte.

Dabei hatte es zuletzt nach einer Entspannung ausgesehen: Wie von US-Präsident Donald Trump angekündigt, hatten sich Russland und Saudi-Arabien auf Förderkürzungen geeinigt. De facto ist Moskau damit eingeknickt. Was viele Marktteilnehmer überrascht hatte. Trump sorgte zudem gestern Abend kurzzeitig für Unterstützung, als er noch einmal bekräftigte, 75 Millionen Fass Rohöl für die Strategic Oil Reserve zu kaufen.

 

Öl in USA für 40 Dollar Cash zu haben
Dennoch: Der US-Markt ertrinkt in Öl. Die Produzenten zahlen aktuell Prämien dafür, dass ihnen jemand die Fässer abnimmt. Ganz unten eine Angebotsliste des Handelshauses Plains Marketing: Alle Preise für regionale Ölsorten sind negativ. Wenn Sie aktuell gerade Bedarf haben, erhalten Sie beispielsweise 54 Dollar Cash auf die Hand bei Abnahme eines Fasses South Texas Sour oder rund 39 Dollar bei Einkauf von einem Barrel Oklahoma Condensate Light.

 

Es wird noch einmal spannend
Unser Fazit: Heute um 14.30 Uhr US-Ostküstenzeit wird es im Mai-Kontrakt möglicherweise noch einmal explosiv, da normalerweise nur rund 2.000 Kontrakte ausgeliefert werden. Wir fragen uns, ob alle Investoren ihren ungewollten Mai-Kontrakt zur physischen Auslieferung losgeworden sind. Auch für den Juni-Kontrakt und für die folgenden Monate ist nur sicher, dass nichts sicher ist.

Auf den Markt rollt ein regelrechter Öl-Tsunami zu. Damit könnten auch andere, spätere Öl-Futures bald Schwindsucht erleiden. Die Bernstein-Bank bleibt für Sie am Ball!

 

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