Rohstoffpreise auf Rekordjagd – Aufwärtsspirale bei der Inflation?

Quirin Privatbank: Zugegeben, bei der Zahl muss man schon ein wenig schlucken: 4,1 %. Das war im September die Schnellschätzung der Teuerungsrate in Deutschland des Statistischen Bundesamtes. Seit 28 Jahren – also seit 1993 und damit dem durch die damalige Wiedervereinigung hervorgerufenen wirtschaftlichen Boom – war die Inflation in Deutschland nicht mehr so hoch.

Das ist zudem ein nochmaliger Anstieg im Vergleich zu den 3,9 %, die noch für den August gemeldet wurden. Darüber hinaus ist eine weitere Zahl schwindelerregend angestiegen: die Teuerungsrate speziell für Energie, also Haushaltsenergie (Heizung etc.) und Kraftstoffe. Sie lag im September voraussichtlich bei sage und schreibe 14,3 %.

Wird also durch die Preissteigerung bei Energie- und anderen Rohstoffen die Inflation immer höher und droht aus dem Ruder zu laufen?

 

 

Die ehrliche Antwort auf diese Frage muss im Moment in jedem Fall lauten: Ganz ausschließen lässt sich das nicht. Denn wenn Inflationsraten vergleichsweise so kräftig steigen wie derzeit – egal ob durch Energie-, Rohstoff- oder andere Preise angeheizt –, kann es passieren, dass sich diese Preisauftriebstendenzen festsetzen und verstärken.

Das passiert immer dann, wenn höhere Inflationsraten von Arbeitnehmern (oder ihren Gewerkschaften) in höhere Löhne umgemünzt werden. Wenn dann in der Folge die Unternehmen diese Steigerungen der Produktionskosten wiederum in Form höherer Preise für Güter und Dienstleistungen an die Konsumenten weitergeben, droht eine regelrechte Spirale aus steigenden Löhnen und Preisen – die „Lohn-Preis-Spirale“.

Ob eine solche Dynamik derzeit in Gang kommt, lässt sich noch nicht sagen, dafür sind die zuletzt höheren Inflationsraten noch zu „frisch“ und die Entwicklung muss daher eng beobachtet werden.

Dass aber bereits jetzt eine solche Dynamik ohne Frage und unaufhaltsam eingesetzt hat – wie vielleicht die eine oder andere aktuelle Meldung zu diesem Thema suggeriert –, lässt sich klar verneinen.

Oft spielt hierbei auch die Herausforderung eine Rolle, Veränderungsraten (und nichts anderes sind ja Inflationsraten) korrekt zu interpretieren. In diesem Zusammenhang spielen gleich mehrere Faktoren eine Rolle.

Da wäre zum einen – und das ist derzeit auch der wichtigste Aspekt – die Tatsache, dass wir es bei Inflationsraten immer mit sogenannten Änderungsraten gegenüber dem Vorjahresmonat zu tun haben.

Wenn also im September 2021 die aktuelle Inflationsrate gemessen wird, dann bedeutet dies, dass das aktuelle Preisniveau mit demjenigen des September 2020 verglichen wird. Das hat eine entscheidende Konsequenz für die Interpretation der sich aktuell ergebenden Teuerungsrate, nämlich den sogenannten Basiseffekt: Die aktuelle Inflationsrate ist umso höher, je niedriger das Preisniveau vor 12 Monaten war.

Verkürzt gesagt sind die Inflationsraten derzeit vor allem deswegen so hoch, weil sie im letzten Jahr aufgrund der Corona-Pandemie und der wegbrechenden Nachfrage negativ waren – ein Effekt, der noch bis zum Jahresende wirken wird.

Und genau dieser Basiseffekt ist nun derzeit vor allem bei den Energierohstoffen, insbesondere den Kraftstoffen und dem Gas, sehr ausgeprägt. Die längerfristige Preisentwicklung von Letzterem zeigt die nachfolgende Grafik, die veranschaulicht, dass wir von alten Höchstständen noch weit entfernt sind.

 

 

Für die Inflationsrate insgesamt hat das deshalb eine große Bedeutung, da – je nach Schätzung für unterschiedliche Länder und unterschiedliche Zeiträume – ungefähr ein Viertel bis ein Drittel der Verbraucherpreise direkt (Benzin, Heizung usw.) oder indirekt (Transportkosten für Waren, Energiekosten für Geschäfte usw.) von den Energiepreisen abhängen.

Um den Effekt der direkten Abhängigkeit besser einschätzen zu können, wird die Inflationsrate regelmäßig auch ohne die Preisentwicklung von Energie und Lebensmitteln ermittelt. Letztere hängen aufgrund der Transportintensität mit an den Energiepreisen und unterliegen zudem starken saisonalen Schwankungen. Man spricht dann von der sogenannten Kerninflationsrate.

Diese lag in Deutschland im August (für September stehen diese Zahlen noch aus) mit 2,8 % um 1,1 Prozentpunkte niedriger als die Gesamtinflation mit 3,9 %.

Die Inflationsraten gegenüber dem Vorjahresmonat sind also durch den Basiseffekt geprägt. So wird zwar die Jahresveränderungsrate korrekt wiedergegeben, aber nicht unbedingt die jüngste Preisdynamik.

Um die Frage zu beantworten, ob sich der Preisauftrieb ganz aktuell tatsächlich beschleunigt (so wie es durch viele Meldungen derzeit suggeriert wird), hilft eher ein Blick auf die Inflationsraten, die als Veränderung gegenüber dem (unmittelbaren) Vormonat gemessen werden.

Diese zeigen bei niedrigen Vorjahresinflationsraten frühzeitig an, wenn Inflationsraten (bald) wieder beginnen zu steigen (so auch jetzt bereits seit Oktober 2020), und bei stark angestiegenen Vorjahresraten, ob die Dynamik weiter zunimmt oder abflacht.

Die Vormonatsinflation im August und September lag mit jeweils 0 % dabei auf einem Niveau, das (für den Moment) eher nicht auf eine weitere Beschleunigung der Inflationsdynamik hindeutet (rechtes Ende der nachfolgenden Grafik).

 

 

Abschließend lohnt sich zudem ein Blick weg von den Veränderungsraten hin zu den tatsächlichen Preisniveaus der betrachteten Güter. Greifen wir hier z. B. einmal den Rohölpreis heraus.

Bei den derzeit zweistelligen Preissteigerungsraten und der Dynamik der Entwicklung kann, ohne genau darüber nachzudenken (und so nimmt ein jeder immer mal wieder ja die auf uns täglich hereinprasselnde Informationsvielfalt wahr), schnell der Eindruck entstehen, Öl sei „so teuer wie nie“.

Beim Blick auf den Dollarpreis für Rohöl etwa der Sorte Brent fällt aber auf, dass der aktuelle Preis von ungefähr 80 US-Dollar pro Barrel gerade einmal demjenigen entspricht, der zuletzt Ende 2018 dafür gezahlt werden musste.

Im etwas längerfristigen Preisniveauvergleichen ist also überhaupt keine Teuerung festzustellen. Gegenüber den Preisen von vor 10 Jahren ist Rohöl derzeit sogar 50 % billiger!

 

 

Ein detaillierterer Blick auf die Mechanik der Inflationsmessung zeigt also, dass eine „galoppierende“ Inflation keinesfalls ausgemacht ist. Trotz alledem bestehen vor allem von den Energiepreisen her durchaus Risiken, dass auch in den kommenden Monaten höhere Inflationsraten zu Druck auf die Löhne und damit zu weiteren Preisauftriebstendenzen führen könnten.

Genaue Beobachtung ist derzeit also das Gebot der Stunde, Panik und Aktionismus dagegen sind – wie sonst auch – äußerst schlechte Berater.

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