SpaceX-Aktie: 12 Millionen Starlink-Kunden – und Kursziele zwischen 60 und 600 Dollar
Gut zehn Wochen nach dem Börsengang ist die SpaceX-Aktie dort angekommen, wo sie gestartet ist. 136,75 US-Dollar zum Schluss am Freitag, dem 21. August 2026 – ein Plus von 2,05% zum Vortag und damit gerade einmal 1,3% über dem Ausgabepreis von 135 Dollar.
Dazwischen lagen ein Allzeithoch bei 225,64 Dollar, ein Absturz auf 104,83 Dollar und eine Erholung von rund 30% seit Anfang August.
Wer nur auf den Kurs schaut, sieht eine Nullrunde.
Wer in die Zahlen schaut, sieht etwas anderes: am 4. August hat SpaceX den ersten Quartalsbericht als börsennotiertes Unternehmen vorgelegt – und der hat die Diskussion über den Wert dieses Konzerns eher verschärft als beruhigt.
Die Analystenziele reichen inzwischen von 60 bis 600 Dollar. Faktor zehn!
Das ist keine Meinungsverschiedenheit mehr, das ist ein Eingeständnis, dass hier niemand wirklich weiß, was in fünf Jahren auf der Rechnung steht.
Ein Umsatzplus von 92% – und trotzdem rote Zahlen
Die Eckdaten des zweiten Quartals lesen sich zunächst überzeugend. Der Umsatz stieg von 4,071 auf 7,814 Milliarden Dollar, ein Plus von 92% und rund 900 Millionen Dollar mehr, als die Analysten im Schnitt erwartet hatten. Das bereinigte EBITDA kletterte um 191% auf 3,5 Milliarden Dollar. Der Nettoverlust schrumpfte auf 541 Millionen Dollar oder 9 Cent je Aktie – im Vorjahresquartal war es noch gut eine Milliarde, und erwartet worden waren 26 Cent Verlust.
Trotzdem gab die Aktie nachbörslich rund 7% ab. Das wirkt paradox, ist es aber nicht: Wer eine Aktie mit dem 97-fachen des Jahresumsatzes 2025 bezahlt, kauft nicht das laufende Quartal, sondern eine Erzählung über 2030. Und diese Erzählung hat im August ein paar neue Risse bekommen.
Denn hinter der Konzernzahl stecken faktisch drei sehr unterschiedliche Unternehmen. Connectivity – also Starlink – ist ein wachsendes, profitables Abonnementgeschäft. Space, das klassische Raketengeschäft samt Starship, ist ein Entwicklungsprogramm mit Umsätzen. Und AI, das jüngste Segment, ist eine Kapitalvernichtungsmaschine mit enormem Potenzial, je nachdem, wen man fragt.
Genau diese Dreiteilung erklärt, warum sich die Analysten so schwertun.
Man kann jedes der drei Segmente für sich bewerten und kommt zu völlig unterschiedlichen Summen – abhängig davon, welchen Multiplikator man einem KI-Geschäft zubilligt, das im Quartal 15,8 Milliarden Dollar investiert und dabei operativ 1,26 Milliarden verliert.
Starlink: 12 Millionen Kunden und 1,66 Milliarden operativer Gewinn
Das Connectivity-Segment ist die einzige Sparte, die verdient. Der Umsatz legte um 66% auf 4,3 Milliarden Dollar zu, das operative Ergebnis um 79% auf 1,66 Milliarden Dollar. Damit steuert Starlink rund 55% des Konzernumsatzes bei – und praktisch den gesamten operativen Gewinn.
Die Kundenzahl hat sich binnen eines Jahres auf 12,0 Millionen verdoppelt, allein gegenüber dem ersten Quartal kamen 1,7 Millionen hinzu. Der durchschnittliche Monatsumsatz je Nutzer ist dabei von 85 auf 66 Dollar gefallen. Das ist kein Preisdruck im klassischen Sinn, sondern eine bewusste Entscheidung: Wachstum kommt inzwischen überwiegend aus Märkten, in denen 85 Dollar im Monat schlicht nicht bezahlbar sind. Der Mix verschiebt sich, die Marge hält trotzdem.
Operativer Gewinn
Operativer Verlust
15,8 Milliarden Dollar Capex – allein für das KI-Segment
Immerhin gibt es eine Nuance, die man nicht übersehen sollte: Beim bereinigten EBITDA drehte das KI-Segment im zweiten Quartal erstmals ins Plus, auf 1,146 Milliarden Dollar nach minus 609 Millionen im ersten Quartal. Finanzchef Bret Johnsen sprach von Amortisationszeiten unter einem Jahr für einzelne Rechenzentrums-Investitionen. Der Umsatz der Sparte wuchs um 247% auf 2,56 Milliarden Dollar, und ab Oktober sollen Cloud-Verträge über 6,7 Milliarden Dollar anlaufen. Gemeinsam mit Nvidia plant SpaceX Rechenzentren im Orbit; bis Ende 2026 sollen mehr als zwei Gigawatt Rechenleistung stehen, bis Ende 2027 rund zehn.
Finanziert wird das aus einer sehr komfortablen Position heraus: Zum Quartalsende lagen 100 Milliarden Dollar an Barmitteln und liquiden Wertpapieren in der Bilanz, der Auftragsbestand beläuft sich auf 47,5 Milliarden Dollar. Die Frage ist also nicht, ob SpaceX diese Investitionen stemmen kann. Die Frage ist, was sie am Ende wert sind.
Starship: Flug 14 rutscht, der Fangversuch auch
Operativ läuft das Raketengeschäft so gut wie nie. 96 Falcon-9-Starts hat SpaceX in diesem Jahr bereits absolviert, zuletzt zwei Missionen im Rekordabstand von 38,5 Minuten. Flug 13 des Starship am 24. Juli war ein Erfolg – die Oberstufe setzte präzise im Indischen Ozean auf, und der Hitzeschild bewies erstmals seine Belastbarkeit.
Der Zeitplan für den nächsten Schritt hat sich seitdem allerdings verschoben. Flug 14 soll die erste echte Orbitalmission werden und erstmals operative Starlink-Satelliten der dritten Generation aussetzen, die laut Elon Musk die zehnfache Bandbreitenkapazität liefern. Ursprünglich war Ende August anvisiert, inzwischen deuten die Vorbereitungen eher auf September. Und den spektakulärsten Teil hat Musk am 20. August selbst kassiert: Die Oberstufe mit den Fangarmen des Startturms einzufangen, werde „wahrscheinlich in einigen Monaten“ gelingen – also aller Voraussicht nach nicht bei Flug 14. Der erste Wiederflug einer Oberstufe soll Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres folgen.
Das ist keine Katastrophe, aber es ist eben auch kein Detail. Die volle Wiederverwendbarkeit ist die eigentliche ökonomische Pointe des ganzen Programms – ohne sie bleibt Starship ein sehr teures Transportmittel, und der Ausbau des Starlink-V3-Netzes hängt genau daran.
Analysten zwischen 60 und 600 Dollar
Nach den Quartalszahlen haben gleich mehrere Häuser nachgelegt. Morgan Stanley bekräftigte „Overweight“ mit einem Kursziel von 300 Dollar; Analyst Adam Jonas rechnet dabei rund 127 Dollar je Aktie dem Raumfahrt- und Konnektivitätsgeschäft zu und begründet den Rest überwiegend mit dem KI-Geschäft, dessen Bewertungsabschlag sich aus seiner Sicht abbauen dürfte.
Bernstein hob das Ziel von 239 auf 248 Dollar an, Citi bestätigte „Buy“ mit 200 Dollar, und Argus stufte von „Hold“ auf „Buy“ hoch, mit einem Kursziel von 160 Dollar.
Auf der anderen Seite stehen deutlich nüchternere Stimmen.
HSBC hatte die Coverage mit lediglich 115 Dollar aufgenommen und liegt damit unter dem aktuellen Kurs. Morningstar veranschlagt den fairen Wert des Konzerns auf rund 780 Milliarden Dollar – gut vier Zehntel der heutigen Börsenbewertung von etwa 1,8 Billionen Dollar, was rechnerisch einem Aktienwert um 60 Dollar entspricht.
Das durchschnittliche Kursziel liegt bei rund 236 Dollar und damit 72,6% über dem aktuellen Kurs.
Nur: ein Mittelwert aus 60 und 600 sagt herzlich wenig aus.
Er beschreibt keine Erwartung, sondern nur die Mitte zwischen zwei Weltbildern.
| Haus | Einstufung | Kursziel | Potenzial | Kernargument |
|---|---|---|---|---|
| Morgan Stanley | Overweight | 300 USD | +119,4% | KI-Geschäft |
| Bernstein | Outperform | 248 USD | +81,4% | Umsatzdynamik |
| Citi | Buy | 200 USD | +46,3% | Segment-Beat |
| Argus | Buy (zuvor Hold) | 160 USD | +17,0% | Umsatz-Run-Rate |
| HSBC | zurückhaltend | 115 USD | -15,9% | Bewertung |
| Morningstar | fairer Wert | rund 60 USD | -56,1% | Kapitalbedarf |
Charttechnik: Die 150 hält den Deckel drauf
Vom Allzeittief bei 104,83 Dollar hat sich die Aktie um rund 30% erholt, der Ausgabepreis von 135 Dollar wurde zurückerobert und trägt inzwischen von unten. Am 17. August lief die Erholung bis 149,80 Dollar – und scheiterte damit zum zweiten Mal in Folge knapp unter der runden 150er-Marke.
Nach oben ist genau das die entscheidende Hürde. Darüber wäre der Weg in Richtung der Juni-Extreme zumindest wieder offen.
Nach unten liegt die erste ernsthafte Unterstützung im Bereich um 128 bis 131 Dollar; darunter rückt der Ausgabepreis erneut ins Spiel.
Die Tagesspanne am Freitag zwischen 131,22 und 137,35 Dollar bei knapp 79 Millionen gehandelten Stücken zeigt, wie eng dieses Spiel derzeit geführt wird.
SpaceX Aktie Chart
Chancen und Risiken im Überblick
Ein Punkt, der in der Diskussion oft untergeht: Der Streubesitz lag zum Börsengang bei nur rund 5%. Das erklärt beide Extreme dieses Sommers – erst traf sehr viel Geld auf sehr wenig Ware, dann kam am 6. August die erste Lock-up-Tranche über 911,5 Millionen Aktien auf den Markt. Eine Verkaufswelle blieb aus, weitere Tranchen stehen aber noch aus. Wer hier einsteigt, sollte wissen, dass das Angebot in den kommenden Quartalen strukturell zunimmt.
- Starlink operativ profitabel: 1,66 Mrd. USD im Quartal
- Kundenzahl binnen eines Jahres auf 12 Millionen verdoppelt
- 100 Mrd. USD Liquidität, 47,5 Mrd. USD Auftragsbestand
- KI-Segment erstmals mit positivem bereinigten EBITDA
- Faktisch konkurrenzlose Stellung beim Orbitaltransport
- 15,8 Mrd. USD Quartals-Capex allein im KI-Segment
- Bewertung von rund 97 Jahresumsätzen des Jahres 2025
- Starship-Zeitplan bereits mehrfach nach hinten verschoben
- Weitere Lock-up-Tranchen erhöhen das Aktienangebot
- Hohe Abhängigkeit von einer einzelnen Person
Fazit: Eine Wette auf die Ausführung, nicht auf die Bewertung
Rechnet man die aktuelle Marktkapitalisierung von rund 1,8 Billionen Dollar gegen den 2025er Umsatz von 18,6 Milliarden, kommt man auf ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von etwa 97. Selbst auf Basis der Schätzungen für das laufende Jahr bleiben je nach Haus 35 bis 41 Jahresumsätze. Günstig ist das unter keiner Annahme. Musk hat beim Earnings Call eine annualisierte Umsatzrate von 100 Milliarden Dollar bis Dezember bekräftigt und das Ziel von einer Billion Jahresumsatz von 2031 auf 2030 vorgezogen – wer diese Zahlen für erreichbar hält, kommt zu ganz anderen Multiplikatoren.
Und genau darin liegt die eigentliche Frage für Anleger.
Kauft man hier ein Unternehmen oder eine Prognose? Die belastbaren Teile – Starlink, der Auftragsbestand, die Liquidität – tragen einen Bruchteil der heutigen Bewertung. Der Rest ist eine Wette darauf, dass Starship wirklich vollständig wiederverwendbar wird und dass sich die Milliarden für Rechenzentren in fünf Jahren auszahlen. Beides kann eintreten. Beides kann sich auch um Jahre verschieben, und der August hat gezeigt, wie schnell so ein Zeitplan rutscht.
Für breit aufgestellte Depots ist die Aktie über den MSCI World ohnehin längst enthalten, seit der Indexaufnahme Ende Juni. Wer darüber hinaus eine Einzelposition aufbauen will, sollte sie als das behandeln, was sie ist: als kleine, bewusst spekulative Beimischung mit einem Anlagehorizont, der eher in Jahren als in Quartalen gemessen wird.
Bei einer Spanne der Kursziele von 60 bis 600 Dollar ist Positionsgröße die wichtigere Entscheidung als der Einstiegszeitpunkt.
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