Chip-Turbulenzen testen den KI-Bullenmarkt. Wie geht es weiter bei US-Aktien?

Gerade als es so aussah, als könnte nichts die große KI-getriebene Rallye aus der Bahn werfen, wurden Anleger daran erinnert, dass der Markt immer für eine Überraschung gut ist. Nach einer dramatischen Berg- und Talfahrt, die den S&P 500 von seinem kriegsbedingten Tief bei fast 6.300 Punkten im März am 2. Juni erstmals in der Geschichte über die Marke von 7.600 Punkten katapultierte, korrigierte der Index bis zum 10. Juni auf rund 7.266 Punkte. Der Nasdaq 100 rutschte im selben Zeitraum von Niveaus über 30.000 auf 28.500 Punkte ab.

Unterdessen kletterte der Volatilitätsindex VIX wieder in Richtung der Marke von 20 Punkten.

Diese Achterbahnfahrt lässt viele Investoren die Frage stellen: Handelt es sich um eine gesunde Atempause in einem strukturellen Bullenmarkt oder um den Beginn einer ernsthafteren Korrektur?

Die korrekte Antwort liegt wie so oft in der Mitte – genauer gesagt im Zusammenspiel zweier Kräfte, die derzeit in völlig unterschiedliche Richtungen ziehen.

Auf der einen Seite steht das makroökonomische Umfeld: Der Iran-Konflikt, die hartnäckige Inflation und eine beharrlich abwartende Federal Reserve begrenzen das Aufwärtspotenzial und halten die Bewertungen unter Druck.

Auf der anderen Seite steht der unaufhaltsame, KI-getriebene Gewinnzyklus, der die Pessimisten immer wieder Lügen straft und die wichtigsten Indizes schneller aus jedem Rücksetzer hochgepusht hat, als fast jeder erwartet hatte.

J.P. Morgan stellte fest, dass die vollständige Erholung des S&P 500 nach dem fast 10-prozentigen kriegsbedingten Rückgang im Iran-Konflikt nur 11 Handelstage dauerte; ein Tempo, das für die enorme Tiefe der strukturellen Nachfrage im Markt spricht.

 

S&P 500 Index Chart

Ob diese Widerstandsfähigkeit auch den aktuellen Wackler übersteht, hängt vor allem vom Zusammenspiel der Dynamik bei den Unternehmensgewinnen und den Zinsaussichten ab – zwei Faktoren, die sich derzeit rasant entwickeln.

 

Chips, Marktkonzentration und der KI-Realitätscheck

Die unmittelbare Ursache für die Turbulenzen dieser Woche ist klar auszumachen. Broadcom übertraf im zweiten Geschäftsquartal zwar die Erwartungen bei Umsatz und Gewinn je Aktie (EPS), doch die Prognose für die KI-Chipverkäufe im dritten Quartal blieb mit 16 Milliarden US-Dollar hinter den Analystenschätzungen von 17,2 Milliarden US-Dollar zurück. Zudem verzichtete das Unternehmen darauf, seine Prognose für KI-Halbleiter für das Gesamtjahr anzuheben.

Dies löste eine klassische „Sell-the-News“-Reaktion aus, die die Broadcom-Aktie um 14 % einbrechen ließ und eine Kettenreaktion in der gesamten Chip-Lieferkette auslöste.

In nur zwei Handelstagen stürzten Micron um 17 %, AMD um 12,6 % und Intel um 9 % ab, wodurch der Nasdaq den schwersten Tagesverlust seit den Zoll-Turbulenzen Anfang 2025 erlitt. Was den Ausverkauf noch schmerzhafter machte, war das ohnehin schwierige Marktumfeld: Die Sperrung der Straße von Hormus belastet die Halbleiter-Lieferkette bereits seit Monaten im Hintergrund.

Die Blockade hat die Versorgung mit Helium, Aluminium und Flüssigerdgas (LNG) unterbrochen – allesamt kritische Rohstoffe für die Chipproduktion.

Darüber hinaus haben sich die Spotpreise für Helium seit Beginn der Krise verdoppelt, die Luftfrachtkapazitäten an den Drehkreuzen am Golf sind eingebrochen, und die Lieferungen von Präzisionsinstrumenten zwischen Europa, Asien und Nordamerika verzögern sich erheblich.

Vor diesem Hintergrund war die ausgebliebene Anhebung des KI-Ausblicks von Broadcom nicht nur eine verfehlte Prognose; sie warf einen Schatten des Zweifels auf den kurzfristigen Wachstumskurs des gesamten Sektors.

 

Broadcom Chart

 

 

Die Analysten von Evercore ISI hatten bereits darauf hingewiesen, dass eine „Rekordkonzentration auf eine Handvoll KI-Titel die Indexstärke stützt und die Nebenwirkungen eines schwierigen geopolitischen und konsumbedingten Umfelds dämpft“, wobei allein Micron, Nvidia und Google für über 40 % der diesjährigen S&P 500-Gewinnrevisionen verantwortlich sind.

Diese Dynamik mag bei steigenden Kursen ein Segen sein, wird aber in dem Moment, in dem sich Risse zeigen, zu einer enormen Belastung, wie diese Woche mit aller Deutlichkeit gezeigt hat.

Vorerst bleibt der KI-Investitionszyklus strukturell intakt, aber der Markt hat unmissverständlich klargemacht, dass er dem Sektor verfehlte oder stagnierende Prognosen nicht mehr bedingungslos verzeiht.

 

 

Zinsen, Arbeitsmarkt und der Warsh-Joker

Abseits des Chipsektors bietet das breitere makroökonomische Bild eine ganz eigene Mischung aus Chancen und Risiken. Die US-Arbeitsmarktdaten (Nonfarm Payrolls) für Mai fielen mit 172.000 neuen Stellen deutlich besser aus als der Dow-Jones-Konsens von 80.000. Gleichzeitig verharrte die Arbeitslosenquote stabil bei 4,3 %, während die Zahlen der Vormonate deutlich nach oben revidiert wurden. Unter normalen Umständen wäre ein so robuster Arbeitsmarkt ein klares positives Signal für Aktien. Im aktuellen Umfeld liefert er der Fed jedoch einen weiteren Grund, mit der lang ersehnten Zinssenkung abzuwarten. Der Leitzins wurde zum dritten Mal in Folge bei 3,5–3,75 % belassen. Die Entscheidung im April führte zum uneinigsten FOMC-Votum seit Oktober 1992, und die Märkte haben Zinssenkungen für 2026 mittlerweile komplett ausgepreist.

Der neue Fed-Vorsitzende Kevin Warsh, der am 15. Mai unter deutlichem Druck des Weißen Hauses für eine lockerere Geldpolitik angetreten ist, muss seine erste Zinsentscheidung vor dem Hintergrund eines boomenden Arbeitsmarkts, erhöhter Inflation und einer anhaltenden geopolitischen Krise treffen – alles andere als das unbeschriebene Blatt, das sich ein neuer Notenbankchef wünschen würde. Ein lockeres Signal von Warsh, und sei es nur rhetorischer Natur, könnte den Bullenmarkt schnell wieder anheizen und die Indizes zurück in Richtung ihrer Höchststände treiben.

Eine Zinspause gepaart mit restriktiven Tönen würde dagegen den Druck nach dem Chip-Ausverkauf verstärken und die aktuelle Konsolidierung möglicherweise bis weit in den Sommer hinein verlängern.

Da Trump gleichzeitig mit neuen Angriffen auf den Iran liebäugelt und im selben Atemzug erklärt, ein Deal könne innerhalb weniger Tage erzielt werden, war die Bandbreite möglicher Szenarien selten so groß.

Vieles wird auch von der weiteren Inflationsentwicklung abhängen.

Die Mai-Zahlen zeigen einen Preisdruck von 4,2 % – mehr als das Doppelte des Fed-Ziels. Bleibt zu hoffen, dass dies ein kurzfristiger Ausreißer ist.

Andernfalls schränkt dies den Spielraum von Warsh drastisch ein, sofern hier nicht bald gegengesteuert wird.

 

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